Zum Tag der Mediation: Konfliktkompetenz ist erlernbar

 

In meiner Arbeit, in der Mediation und in der politischen Bildung, begegnen mir immer wieder zwei Reaktionen auf Konflikte. Manche Menschen tauchen ab, andere eskalieren laut, viele wechseln zwischen beidem. Im Privaten wie im Beruflichen wird geschwiegen, ausgewichen, krankgemeldet, weil niemand weiß, wie er anfangen soll. Und ebenso oft wird gebrüllt, am Esstisch wie in der Teamsitzung, in der Familie wie in den sozialen Medien. Beides scheint mir auf dieselbe Lücke zu verweisen.

Konflikte gehören zum Leben. Pluralistische Gesellschaften sind konflikthaft, und das ist erst einmal kein Defekt, sondern Funktionsweise von Demokratie. Ralf Dahrendorf hat das in einer Formulierung beschrieben, die mich seit dem Studium begleitet: „Konflikte sind stets eine schöpferische Kraft, die versteinerte soziale Verhältnisse aufzulockern und neue Formen hervorzubringen vermag. In diesem Sinne ist die Existenz von Konflikten Beweis nicht der Krankheit, sondern der Vitalität eines Betriebes und Wirtschaftssystems." Was sich aushalten lässt oder eben nicht, ist nicht die Existenz von Konflikten, sondern die Art, wie wir mit ihnen umgehen.

Ich vermute, wir haben uns angewöhnt, Konflikt mit Streit, Streit mit Eskalation und Eskalation mit Beziehungsende zu verwechseln. Wer das einmal so erlebt hat, vermeidet beim nächsten Mal lieber. Wer vermeidet, übt nicht. Wer nicht übt, sucht beim nächsten Mal die Stille. Oder den lautesten Beistand.

Das heißt nicht, dass Dableiben immer die richtige Antwort ist. Es gibt Eskalationen, in denen Schutz, Abstand oder Hilfe von außen das Notwendige sind. Und es gibt Momente, in denen ein bewusstes Rausgehen genau das ist, was den nächsten Schritt erst möglich macht: Luft holen, sich sortieren, später zurückkommen. Konfliktkompetenz heißt nicht, immer auszuhalten. Sie heißt, wählen zu können und zu wissen, wann was dran ist.

Eine KPMG-Studie zur Konfliktkultur in Unternehmen hat den Preis des Nicht-Austragens einmal beziffert: rund 30 Milliarden Euro Schaden pro Jahr in der deutschen Wirtschaft. Im Privaten gibt es solche Zahlen nicht. Aber jede, die einmal eine Freundschaft hat einschlafen lassen, weil das klärende Gespräch zu mühsam schien, oder eine Familie kennt, in der seit Jahren über etwas Bestimmtes nicht mehr gesprochen wird, ahnt, dass die Bilanz dort kaum kleiner ist. Konflikte verschwinden nicht, wenn wir sie übergehen. Sie laufen weiter, untergründig, und am Ende oft teurer.

Daraus folgt für mich kein Patentrezept, aber eine Vermutung: Was wir gesellschaftlich brauchen, ist nicht weniger Konflikt, sondern mehr Übung im Konflikt. Streitfähigkeit ist eine Kulturtechnik wie Lesen oder Medienkompetenz: zuhören, eine Position vertreten, eine andere aushalten können. Sie fällt nicht vom Himmel. Und sie wird selten beiläufig vermittelt.

Was mich in der Mediationsarbeit immer wieder berührt: wie oft ein scheinbar verfahrener Streit gestaltbar wird, sobald Struktur, Zuhören und ein Verfahren dazukommen. Das ist meine wichtigste berufliche Erfahrung, und zugleich die am häufigsten unterschätzte Aussage meines Feldes: Konfliktkompetenz ist erlernbar.

Genau hier liegt für mich der eigentliche Punkt. Konfliktkompetenz ist keine Spezialkompetenz für ein paar wenige Berufsgruppen. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und gleichzeitig etwas, das niemand für mich erledigen kann. Schulen, Vereine, Volkshochschulen, Unternehmen können Räume schaffen. Aber gelernt wird sie dort, wo jede und jeder Einzelne sie übt: im nächsten Elternabend, in der Teamsitzung, im Streit mit der Nachbarin, im Gespräch am Küchentisch. Das ist anstrengend. Aber es ist auch eine Form von Selbstwirksamkeit, die nicht von Institutionen oder Mehrheiten abhängt. Sie beginnt mit dem nächsten unbequemen Gespräch, das ich nicht delegiere.

Der 18. Juni ist Tag der Mediation. Für mich ist er weniger Berufsstandswerbung als Erinnerung daran, dass das Üben möglich ist. Im Kleinen wie im Größeren.

Avatar-Foto
Julia Stadler

CEO & Co-founder @ tuplita.ai